Tainted Grail – Ein Interview mit Redakteur Martin, Teil 2

Martin, du hast uns ja bereits einiges über das Projekt Tainted Grail berichtet. Und das alles hat sich nach richtig viel Arbeit angehört! Wie lange habt ihr denn eigentlich an diesem Projekt gearbeitet?

"Ohja, das war es! Insgesamt haben Emma und ich ca. 600 Arbeitsstunden für dieses Projekt aufgebracht. Dazu kommen natürlich noch Spiele- bzw. Testrunden nach Feierabend. Denn natürlich ist es ein ganz wichtiger Punkt, dass wir die Spiele, die wir redaktionell betreuen, auch selbst gut kennen und wissen, wie sie funktionieren und an welche Hürden man beim Spielen möglicherweise stößt. Für noch mehr Feedback, auch aus anderen Ländern, standen wir immer in engem Austausch mit Awaken Realms, dem Originalverlag von Tainted Grail. Dazu gab es ein internes Dokument, in das alle Teams ihre Fragen schreiben konnten, die dann von Awaken Realms beantwortet wurden."

Du hattest vorhin bereits erwähnt, dass die Arbeit des Grafikers bereits begann als ihr noch am Lektorat bzw. der Redaktion gearbeitet habt. Wie muss man sich das vorstellen? Inwiefern war eine graphische Bearbeitung nötig? Denn eigentlich wurden für die deutsche Version ja alle Original-Illustrationen übernommen, oder?

"Ja, grundsätzlich natürlich schon. Die Illustrationen waren von Anfang an fix. Daran konnten und vor allem wollten wir auch nichts ändern, denn mal ehrlich, alleine die Coverillustration macht schon auf den ersten Blick Lust auf mehr! Aber viele der Grafiken enthielten im Original englischen Text, zum Beispiel die Spielertableaus. Und die mussten natürlich angepasst werden! Da spielen neben einer guten und stimmigen Wortwahl noch viele weitere Punkte mit rein: Wie fließt der Text auf der Karte? Passt der Text von der Länge her? Wo sind Zeilen- und Seitenumbrüche? Sind alle Symbole und Zeichen korrekt? Die graphischen Änderungen hat Ralf Berszuck umgesetzt, der ebenfalls schon viele Spiele und Rollenspielbücher für Pegasus bearbeitet hat – und auch bei Tainted Grail hat er wieder wahrhaft magische Arbeit geleistet. :)"

Spannend! Aber sag mal, wie kam es eigentlich dazu, dass Pegasus die deutsche Version von Tainted Grail herausbringt?

"Naja, zum einen haben wir viel Erfahrung mit Fantasy- bzw. lokalisierten Spielen – Robinson Crusoe, Mythos Tales, Roll Player sind hier nur einige wenige Beispiele. Zum anderen haben wir mit Cédric Delobelle seit Mitte 2019 einen International Business Developer in unseren Reihen. Das heißt, Cédric vermarktet nicht nur unsere eigenen Verlagsspiele im Ausland, sondern er macht uns auch immer wieder auf spannende neue Titel aufmerksam. Tainted Grail kannten wir bei Pegasus natürlich schon – die meisten von uns sind schließlich auch "nur" Geeks, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben. Aber Cédric hat darüber hinaus auch unheimlich viele Kontakte und steht immer in regem Austausch mit anderen Verlagen. Daher kannte er auch Awaken Realms schon länger und tja, irgendwann kam dann das Angebot für die deutsche Umsetzung. Schon der durchschlagende Erfolg der Kickstarter-Kampagne hatte uns gezeigt, dass unglaublich viel Potential in diesem Spiel steckt. Aber spätestens als wir dann den Prototypen in der Hand hatten, ihn sichten und natürlich vor allem spielen konnten, waren wir überzeugt!"

 

Ihr seid also voller Elan in das Projekt Tainted Grail gestartet. Gab es dabei eigentlich auch besondere Herausforderungen oder Hürden zu meistern?

"Ohja! Zu viele, um sie alle hier aufzulisten … :) Spaß beiseite! Besonders herausfordernd war die Kombination aus engem Zeitfenster und unglaublicher Textmenge. Konkret bedeutet das, wir haben mit dem Projekt im September angefangen und haben die Daten am 13.12.2019 abgegeben. In der Zwischenzeit haben wir über 175.000 Wörter übersetzt, lektoriert und redaktionell bearbeitet. Zum Vergleich, ein durchschnittliches Familienspiel enthält in etwa 5.000 Wörter. Was ich während der Arbeit an Tainted Grail zweifelsfrei gelernt habe, wo ich es vorher nur ahnen konnte: Mehr Wörter brauchen auch mehr Zeit! Und zwar wesentlich mehr Zeit. Zwei Spiele mit jeweils 10.000 Wörtern sind demnach meistens weniger zeitintensiv als ein Spiel mit 20.000 Wörtern. Und das obwohl man sich in diesem Beispiel sogar in beide Spiele einarbeiten müsste! Der Hauptgrund dafür ist, dass mit den Wörtern in der Regel auch die Menge an Querverweisen, die geprüft werden müssen, steigt und das kostet Zeit! Außerdem ist die Sprache in der Tainted Grail formuliert ist natürlich besonders. Und das bedeutet, wir mussten viele Begriffe mehrfach ändern und überarbeiten – nicht ohne zuvor die eine oder andere hitzige Diskussion geführt zu haben. Ich beispielsweise mag besonders den Ort Farshire, der im Deutschen jetzt Weitlathe heißt. Praktisch niemand wird wissen, was eine Lathe ist, aber das Wort gibt es tatsächlich. Am Ende kann das gesamte Team meiner Ansicht nach sehr stolz auf die Übersetzung der Namen und Begriffe sein – die Arbeit hat sich also gelohnt!"

 

Jetzt hast du uns schon viel über die Arbeit, das Spielprinzip und die außergewöhnlich stimmungsvolle Atmosphäre von Tainted Grail erzählt. Aber worum geht es eigentlich in der Geschichte hinter dem Spiel?

"In der Geschichte von Tainted Grail ist die Insel Avalon die neue Heimat der Menschen. Vor 600 Jahren floh König Artus vor dem Roten Tod dorthin und machte die Insel für Menschen bewohnbar. Doch nun erlöschen die Wachtmenhire, die die Menschen beschützen, und der Rote Tod ist zurück. Naht der Untergang? Euer Heimatort Cuanacht hat die mutigsten Recken ausgesandt, um Hilfe für das Dorf zu erbitten. Doch seit Wochen ist nichts von ihnen zu hören. Nun ist es an euch, aufzubrechen, um die erste Expedition zu finden – und dabei scheint niemand von euch so wirklich zum Helden geboren. Trotzdem stellt ihr euch mutig den Kämpfen und Intrigen, die euch unterwegs erwarten. Und über allem schwebt etwas Schlimmeres, das euch überallhin begleitet – die alles-vernichtende Macht der Wyrdnis!"

Und was passiert am Ende der Geschichte, wenn alle Kämpfe gefochten, alle Abenteuer erlebt und die Dunkelheit hoffentlich von Licht geflutet und verdrängt wird?

"Naja, so ganz vorbei ist es ja bekanntlich nie! :) Avalon hat viele spannende Geschichten zu berichten: heute, gestern und auch morgen. Die ersten Erweiterungen für Tainted Grail sind in Arbeit. Sie werden euch in die Vergangenheit und die Zukunft Avalons entführen. Eure Entscheidungen im ersten Teil, „Der Niedergang Avalons“, werden dabei auch Einfluss auf weitere Geschichten haben. Denn am Ende können die tiefsten Geheimnisse nur dann gelöst werden, wenn alle Kampagnen durchlaufen werden. Also, auf auf ihr Abenteurer!"

 

*Achtung, die Abbildungen zeigen teilweise nicht das Material der deutschen Retail-Version.

Vielen Dank, Martin, für dieses Interview und die vielen Infos rund um Tainted Grail! Ihr habt weitere Fragen an Martin? Dann stellt sie uns bzw. ihm! Wir freuen uns auf eure E-Mails an blog@pegasus.de und eure Kommentare im Forum.

In unserem nächsten Blog-Beitrag verraten wir euch mehr zu Entstehungsgeschichte und zu zukünftigen Ideen für unsere innovative Erzählspielreihe UNDO.